Tom Sommerlatte über Kino, Frankreich und Deutschland

Dieses Jahr feiert Lilit 8-jähriges Jubliäum! Aus diesem Anlass sprach Journalistin Saskia Höfer für Lilit mit Regisseur Tom Sommerlatte. Sein Debütfilm „Im Sommer wohnt er unten“ lief noch Monate nach dem Kinostart in den Lichtspielhäusern Deutschlands und wurde in diesem Jahr auf dem Kino!2016 Festival in New York gezeigt. Der Berliner Regisseur und Schauspieler inszeniert nicht nur ein bewegendes Drama über Geschwister, sondern gleichzeitig eine Komödie über die kleinen Mentalitätsunterschiede zwischen Deutschen und Franzosen. Mit Saskia Höfer hat der Halbfranzose über Sprache, Arbeitseinstellungen am Set und seinen Film gesprochen.

Die Sprachen der großen Nationen

Lieber Tom, vielen Dank für deine Zeit. Kennst du diesen weisen und sicher gut gemeinten Rat für Frauen: „Rede mit einem Mann französisch, wenn du ihn behalten willst, rede deutsch mit ihm, wenn du ihn loswerden willst!“ (lacht)? Welche Sprache findest du schöner?

Tom Sommerlatte: Pauschal würde ich erst mal sagen: Französisch. Es ist einfach eine viel gesungenere Sprache. Aber man darf nicht vergessen, dass Deutsch eine Sprache von Dichtern und Denkern ist. Beide Sprachen stehen für große Nationen.

Franzosen sagt man nach, dass sie sehr stolz auf ihre Sprache sind. Von Deutschen hört man das eher nicht. Woran könnte das liegen?

Tom Sommerlatte: Die Franzosen waren immer stolz auf ihre Sprache und haben sich ja immer als Weltmacht empfunden. Deswegen war es wohl nie denkbar eine andere Sprache anzunehmen. Es gibt sogar eine Institution, die Académie française, die jedem Fremdwort ein französisches Pendant zuordnet. Eine E-Mail heißt zum Beispiel courriel électronique und auch ein Computer ist ein ordinateur.

Vom Vokabular abgesehen: Was würdest du sagen, ist der größte Unterschied zwischen der deutschen und der französischen Sprache?

Tom: Das ist ganz klar, die deutsche Sprache hört sich sehr viel härter an und hat viel Stakkato. Also dieses „bam-babam“. Französisch ist sehr melodisch, fast als wäre es komponiert. Ein Beispiel ist das Wort Schmetterling. Im Deutschen spricht man dem Tier zu, mit den Flügeln zu schmettern. Papillon fliegt eher, das ist irgendwie leichter.

Regisseur Tom Sommerlatte

Regisseur Tom Sommerlatte (c) Marcus Gaertner

Interkulturelle Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich zeigen sich manchmal auch bei den Haustieren. Hier trägt ein Mops eine französische Baskenmütze.

Deutsche Direktheit vs. c’est la vie!

Man hört häufig, dass Deutsche sehr direkt sind. Der Schauspieler Christoph Waltz sagte einmal „Deutsche sind wie ein Schlachtschiff“. Ist dir das Klischee schon über den Weg gelaufen?

Tom Sommerlatte: Ja klar, aber das ist ja, wie du sagst, in erster Linie ein Klischee. Aber das schöne bei Klischees ist ja auch das Stückchen Wahrheit dabei. Das Direkte ist sehr gut für technische Anleitungen. Unsere Sprache kann mehrere Worte zu einem zusammensetzen. Ich erfinde jetzt mal ein Wort: Stuhlbeinschraube – das wäre ein Wort. Im Französischen müsste man das umschreiben: Für das Stuhlbein die Schraube.

Auf welche Dinge legen Franzosen besonderen Wert, wenn es um das Leben geht?

Tom Sommerlatte: Jetzt muss man immer aufpassen, dass man nicht ins Klischee abrutscht. Ich denke generell ist es so, dass der Franzose eher sagt: Ich will im Moment glücklich sein. Ich gehe nicht durch die Hölle, um mir ein fettes Auto leisten zu können. Aber wie gesagt, da muss man mit den Klischees aufpassen.

Wie ist das bei dir: Arbeitest du eher auf etwas hin oder genießt du lieber den Moment?

Tom Sommerlatte: Das ist eher eine Mischung aus beidem. Normalerweise arbeite ich auf etwas hin. Wenn ich ein Drehbuch schreibe, will ich, dass die Sache schnell vorangeht, da verzichte ich auch auf viele Pausen. Das gibt es aber auch bei den Franzosen. Also das „für etwas kämpfen“ (lacht).

Wie meinst du das?

Tom Sommerlatte: Ich meine das Streikverhalten. Franzosen kämpfen viel mehr, um ihre Rechte und die Lebensqualität im Alltag zu erhalten. Sie sagen eher „Nö, ich habe keinen Bock mir den ganzen Tag den Arsch aufzureißen“. Der Sozialstaat in Frankreich ist viel größer und teurer als in Deutschland.

Tom Sommerlatte und die interkulturelle Arbeit am Set

Du hast in deinem Film „Im Sommer wohnt er unten“ mit einem mehrsprachigen Team gearbeitet. Hast du das Phänomen „Deutsche Planungswut“ gegen das Französische „Wir gehen es jetzt einfach an“ beobachtet?

Tom Sommerlatte: Es gab zwei Geschwindigkeiten. Die Deutschen haben eher den Takt vorgegeben, aber sie hatten Positionen, in denen das möglich war. Und wir haben auch schon einmal zusammen gearbeitet. Mit den Franzosen habe ich das erste Mal zusammen gearbeitet, da mussten wir uns erst finden. Ich würde sagen, das war schon ein Stück weit eine Mentalitätsgeschichte. Aber ich hab auch schon an deutschen Sets gearbeitet und mir gedacht: Was ist das denn für ein träger Haufen?

Gab es Schwierigkeiten bei einem mehrsprachigen Team?

Tom Sommerlatte: Hier und da gab es ein paar Schwierigkeiten. Wir haben uns geeinigt, dass die Set-Sprache Englisch ist. Aber am Ende war es am Set wie im Film, alle drei Sprachen wurden gesprochen, also Deutsch, Englisch und Französisch. Aber ein Problem gab es letzten Endes nie!

Schnappschuss: Im Sommer wohnt er unten(c) Osiris Media

Hierarchiedenken in Frankreich - so steil wie der Eiffelturm.

„Ich bin der Chef minus zwei!“ – Hierarchie in Deutschland und Frankreich

Hat es dir bei der Kommunikation geholfen, dass du den Status des Regisseurs innehattest?

Tom Sommerlatte: Total. Hierarchie ist in Frankreich noch viel ausgeprägter als in Deutschland. Und gerade am Set ist der Regisseur derjenige, der die Mannschaft zusammenhält. Wenn er ein Arschloch ist, wird es am Set schlechte Stimmung geben. Versprüht er gute Stimmung, passt sich das Set an. Man kann das mit einem Dirigenten vergleichen, der alle Instrumente zusammenhält. Da hat es auch sehr geholfen, dass ich alle Sprachen beherrsche, sonst hätte ich mit den Leuten nicht so reden können.

Wie zeigt sich die Hierarchie in Frankreich noch? Kannst du ein Beispiel nennen?

Tom Sommerlatte: Es gibt einen Ausdruck, den höre ich relativ häufig: „Ich bin der Chef minus zwei.“ Ich stehe in der Hierarchie zwei Stellen unter dem Chef. Was auch total ausgeprägt ist, sind Eliten. Es gibt Universitäten, in die man sehr schwer reinkommt. Aber wenn du drin bist, dann stehen dir alle Türen offen. Zum Beispiel ist der französische Präsident Hollande ein ENA-Absolvent (ENA steht für École nationale d’administration). Wenn man keine solche Uni besucht hat, hat man gar keine Chance Präsident zu werden.

Marketing jenseits der Grenze: Stars, Filme & Festivals

Welchen Ruf haben deutsche Filme in Frankreich?

Tom Sommerlatte: Ihr Ruf wird besser, aber sie werden noch als sehr bieder und nicht gerade innovativ beziehungsweise weltbewegend wahrgenommen. Das sieht man auch am Filmfestival in Cannes, das in den letzten Jahren keine deutschen Filme mehr gezeigt hat. Der deutsche Film findet schon in Frankreich statt, aber traurigerweise bedient er meistens das Thema Zweiter Weltkrieg. Das funktioniert gut, wird dem deutschen Film aber keinen besseren Ruf verschaffen. Es bleibt eher ein Klischee. Dieses Jahr läuft seit Langem mal wieder ein deutscher Film in Cannes, übrigens der erste deutsche Film von einer Regisseurin im Wettbewerb um die goldene Palme.

Hast du von Franzosen eine Rückmeldung zu „Im Sommer wohnt er unten“ bekommen?

Tom Sommerlatte: Wir haben den Film in Paris auf dem Festival des deutschen Films vorgestellt und haben da den Publikumspreis gewonnen.

Von wegen langweilig und bieder.

Tom Sommerlatte: (lacht) Nur einen Verleiher haben wir noch nicht. Ein deutscher Film, der scheinbar nicht deutsch genug ist. (lacht) Ein Film ohne französische Stars auf Deutsch, und das ist schwierig zu vermarkten.

Frankreich bringt Filme wie „Amelie“ oder „Ziemlich beste Freunde“ hervor. Wie siehst du dich im Kontext Filmland Frankreich?

Tom Sommerlatte: Oh. Ich würde sagen „Im Sommer wohnt er unten“ ist weder „Die Fabelhafte Welt der Amelie“ noch „Ziemlich beste Freunde“. Ich würde dem jetzt nicht nacheifern wollen. Ich stelle eher fest, was beide miteinander verbindet: Eine schöne Geschichte, die erzählt wurde. Das haben sie gut gemacht und deswegen hatten die Filme Erfolg.

Lieber Tom, ich bedanke mich sehr herzlich für das Gespräch.

Die Fragen stellte Saskia Höfer.

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Über die Autorin: Saskia Höfer ist freie Journalistin, Texterin und Argumentationsexpertin. Sie hat Germanistik und Buchwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität studiert.

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