Die Opferrolle

Der Klassiker unter den Manipulationsstrategien

„Sie lassen mich ja überhaupt nicht zu Wort kommen! Ständig werde ich unterbrochen!“
In aufgeheizten Diskussionen die Opferrolle einzunehmen ist ein beliebtes Ablenkungsmanöver. Natürlich ausgerechnet dann, wenn dem „Opfer“ die sachlichen Argumente ausgehen. Sobald es argumentativ in die Ecke gedrängt ist, werden die Schuldzuweisungen laut: „Sie versuchen doch mit allen Mitteln mich hier ins rhetorische Abseits zu drängen.“ – „Mit ihrer politischen Korrektheit möchten Sie uns Normalbürger mundtot zu machen! Das ist doch eine Meinungsdiktatur!“ Und schon geht es nicht mehr ums eigentliche Thema, sondern um Täter-und-Opfer-Spielchen. Kommt euch bekannt vor? Ihr kennt das Verhalten sicher von politischen Auftritten der AfD, die diese Manipulationstechnik gerne einsetzt. Zum Glück hab ich für euch ein paar meiner Strategien gegen diesen Rhetorik-Trick in petto!

Alice Weidel – die AfD-Politikerin beherrscht die Opferrolle perfekt

Weinend in Opferrolle! Erwachsende verhalten sich manchmal wie kleine Kinder

Weinend in Opferrolle! Erwachsende verhalten sich manchmal wie kleine Kinder

„Armes Opfer“ – oder Wolf im Schafspelz?

„Kein Wunder, dass das Projekt gescheitert ist! Ihre Abteilung hat uns nicht genug Mittel bewilligt und dadurch wurden wir total ausgebremst.“ Wenn der Diskutant sich zum Opfer stilisiert, kann der Täter vielfältig sein. Egal ob politischer Gegner, ominöse Gefahr von Außen, oder die andere Abteilung: Schuld sind stets die Anderen und insbesondere der Diskussionsgegner. Man lenkt dabei nicht nur von schwachen Argumenten ab, sondern natürlich auch von eigenen Fehlern („Wenn du mich nicht genötigt hättest die Spülmaschine auszuräumen, wäre mir diese Tasse nie runtergefallen!“).

Der Kampf um die Gunst des Publikums

Ganz wichtig dabei: Das Publikum auf die eigene Seite ziehen. Über die Mitleidsschiene versucht das Opfer sich die Sympathien der Zuhörer zu sichern. Gleichzeitig vereinnahmt es für die Opferrolle das Publikum: „Wir anständige Steuerzahler werden von Ihrer Partei doch von vorn bis hinten veräppelt!“ So wird polarisiert und eine Dynamik des „Wir gegen die!“ heraufbeschwört.

Die Opferrolle besteht übrigens nicht nur sachlich. Gerade auf der Meta-Ebene der Diskussion, also beim Reden ÜBER die Diskussion, kann sich das Opfer in seinem Leid suhlen. Hier werden dann gerne Unterbrechungen, mangelnde Redezeit oder die Auswahl der Diskutanten beklagt („Das ist doch ein abgekartertes Spiel! „). Oder – sehr ironisch – es werden die Rhetorik-Tricks der Gegenseite thematisiert. Letztendlich können so schwierige Fragen oder Gegenargumente einfach übergangen werden. Sprachlich passt sich das Opfer außerdem in seine Rolle ein, indem es gerne Passiv-Formulierungen wählt, oder als Objekt im Satz auftaucht.

Meine Gegenstrategie

  • Um weitere Eskalation zu vermeiden: Streitpunkte trennen. Das ist auch ohne Publikum hilfreich. („Wir können gerne darüber diskutieren, wer wie oft die Spülmaschine ausräumt, aber jetzt geht es erstmal darum die kaputte Tasse zu ersetzen.“)
  • Vor Publikum: Die Opfer-Strategie direkt als Ablenkungsmanöver in der Diskussion aufzeigen, sobald der Gegner davon Gebrauch macht!
  • Stets darauf beharren, dass die Diskussion wieder auf die Sach-Ebene zurückkehrt: Wurde die unangenehme Frage schon beantwortet? Ist das „Opfer“ auf das vorige Argument eingegangen? Beleidigt auszuweichen, anstatt aufs Thema einzugehen, verschwendet die Zeit aller Beteiligten und ist respektlos den Zuhörern gegenüber.
  • Zuhörer werden durch Selbstsicherheit und Führungsstärke überzeugt, doch das Opfer präsentiert sich als schwach. Legt den Finger in diese Wunde! Denn: Das Publikum ist nicht dumm. Dramatisches Opfer-Gequengel wird schnell als unauthentisch durchschaut und nicht ernst genommen. Statt Mitleid gibt es dann Häme („Mimimi!“)
  • Diese Reaktion könnt ihr forcieren, indem ihr euch über die gespielte Opferrolle sichtbar amüsiert und diese Taktik ins Lächerliche zieht. Aber Vorsicht, dadurch verlieren wir den Gesprächspartner garantiert! Also nur anwenden, wenn es rein um die Gunst des Publikums geht und dem anderen dadurch kein Mitleidsbonus zugespielt wird.
  • Versucht im Gegenzug eure Positionen in Form von klaren Aktiv-Sätzen, in denen ihr das handelnde Subjekt seid, zu formulieren. Seid auch grammatikalisch keine Opfer, sondern Macher!
  • Übrigens: Eigenverantwortung für Fehler zu übernehmen und auch mal gute Gegenargumente anzuerkennen, ist einfach guter Stil und beweist dem Publikum eine starke Persönlichkeit!
  • Merke: Redet nur aus einer Opferrolle, wenn echte Emotionen im Spiel sind. Wenn wir von tatsächlichen Verletzungen oder Ungerechtigkeiten berichten, werden diese vom Zuhörer auch geglaubt und als solche honoriert.

Ob Blender oder ProvokateureNamedropping oder fiese Fragen – lest euch alle Teile unserer Reihe durch und schlagt den schwarzen Rhetorikern ein Schnippchen!

PS: Ihr habt Lust auf noch mehr Strategien und rhetorische Kniffe? Dann bucht unser individuelles Lilit-Rhetorik-Coaching oder unser Lilit Training zur Kunst des Argumentierens.

Bildquellen:
Alice Weidel (AfD): Olaf Kosinsky / kosinsky.eu (Lizenz: CC-BY-SA 3.0 DE)
Weinendes Baby: Flickr.com: daily sunny (Lizenz: CC BY 2.0)

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